„Die Tänzer-Community ist einfach unbeschreiblich“
Wie sind Sie zum Hiphop-Tanzen gekommen?
Ich habe mit acht Jahren angefangen zu tanzen – also schon vor einer ganzen Weile. Man kann sagen, ich wurde da ein bisschen „reingeboren“. Meine ältere Schwester hat getanzt, und ich war immer bei ihren Trainings dabei. Irgendwann habe ich dann in derselben Tanzgruppe wie sie angefangen. Als ich klein war, habe ich in mehreren Tanzschulen getanzt. Zwischen etwa zwölf und sechzehn war ich in einer festen Gruppe, wir sind bei Street-Dance-Contests in Jugendhäusern aufgetreten und haben bei Musicals meiner damaligen Tanzlehrerin mitgemacht.
Dann kam Corona, und ich habe aufgehört, weil die Studios geschlossen waren. In der Zeit war ich auch in den USA. Als ich zurückkam, habe ich gemerkt, wie sehr mir das Tanzen gefehlt hat. Im Oktober 2024 habe ich wieder angefangen – in einer Tanzschule in Stuttgart. Ich wurde zu einem Probetraining einer Meisterschaftsgruppe eingeladen, den „Raw Messenger“. Dort tanze ich bis heute. Vor zwei Wochen waren wir bei der Deutschen Meisterschaft.
Haben Sie von Anfang an Hiphop getanzt?
Ja. Ich habe viele andere Stile kennengelernt, aber Ballett zum Beispiel nie gemacht. Heute tanze ich in meiner Crew Hiphop, Krump, Waacking, Popping und Funkstyles. Das sind alles New-Style-Richtungen.
Warum gerade diese Stile?
Wir sind eine Hiphop-Crew, und bei der Meisterschaft „Hip Hop International“ ist Hip Hop Pflicht. Die weiteren Stile kann jede Crew frei wählen. Wir haben uns für Krump entschieden, weil einer der früheren Trainer darauf spezialisiert war. Krump wird normalerweise eher von Männern getanzt – wir sind aber eine reine Frauencrew, was uns besonders macht. Waaking und Popping sind typische Meisterschaftsstile, deshalb tanzen wir sie ebenfalls.
Was fasziniert Sie nach all den Jahren noch am Tanzen?
Es ist einfach meine Leidenschaft. Wenn ich tanze – egal ob im Training, Kurs oder Workshop – kann ich komplett abschalten. Das sind die Stunden in der Woche, in denen ich runterkomme und mich nur auf das konzentriere, was ich liebe. Außerdem lernt man unglaublich viele Menschen kennen. Die Tanz-Community ist unbeschreiblich offen und herzlich.
Gibt es Tänzer*innen, die Sie besonders inspirieren?
Ja, einige. Chris Brown zum Beispiel – ein beeindruckender Sänger, Tänzer und Entertainer. Und Parris Goebel aus Neuseeland, die Trainerin einer Meisterschaftscrew. Ihre Kreativität ist atemberaubend. Ich selbst choreografiere nur ab und zu, deshalb fasziniert mich, was andere mit Bewegung und Bildern erschaffen können.
Was sind die größten Herausforderungen im Hiphop-Tanzen?
Für mich persönlich ist es das Zeitmanagement: Ich studiere Vollzeit, pendle zwischen Stuttgart und Heilbronn, arbeite und habe jedes Wochenende Training. Vor den Meisterschaften trainieren wir fast täglich. Dann auch die körperliche Belastung, denn man stößt im Training oft an seine Grenzen. Zum Schluss auch die mentale Belastung: Vor allem bei Meisterschaften. Kurz vor dem Auftritt schießt das Adrenalin durch den Körper. Das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl, aber nicht ohne.
Gibt es Momente in Ihrer Karriere, auf die Sie besonders stolz sind?
Ja. Letztes Jahr war meine erste Meisterschaft nach viereinhalb Jahren Pause. Ich kam in eine Crew, in der viele seit ihrer Kindheit tanzen – ohne Unterbrechung. Ich musste einiges aufholen. Trotzdem konnte ich mit den Mädels mithalten und hatte ein genauso gutes Gefühl wie die anderen. Wir sind später gemeinsam zur Weltmeisterschaft in die USA gefahren. Darauf bin ich sehr stolz.
Welche Eigenschaften sollte man fürs Hiphop-Tanzen mitbringen?
Wer mit Hip-Hop beginnt, sollte vor allem offen für Neues sein. Viele Bewegungen sind für jemanden, der noch nie Hip-Hop getanzt hat, völlig ungewohnt. Der Körper hat diese Art von Bewegung wahrscheinlich noch nie so erlebt oder gespürt. Und man braucht die Fähigkeit, einfach mal Loszulassen und die Bewegungen fließen zu lassen. Ein Gefühl für Rhythmus ist auf jeden Fall hilfreich – aber keine Voraussetzung. Rhythmusgefühl kann man entwickeln, genauso wie die Beweglichkeit und das Körperbewusstsein, die Hip-Hop mit sich bringt. Wir sind acht Tänzerinnen, jede mit einem eigenen Stil. Aber als Meisterschaftscrew ist Synchronität extrem wichtig. Im Formationstraining arbeiten wir sehr präzise daran.
Wie sieht eine typische Trainingswoche aus?
Wir trainieren als Crew am Wochenende – Freitag oder Samstag zwei Stunden, Sonntag vier Stunden. Wir wärmen uns gemeinsam auf, machen Drills für die verschiedenen Stile und für die Synchronität. Am Anfang der Saison zeigt unser Captain neue Choreografien und Formationen. Wenn die Show steht, tanzen wir sie Part für Part oder komplett durch. Sonntags besprechen wir zusätzlich organisatorische Dinge – Outfits usw. Unter der Woche nehme ich abends an mehreren Kursen der Tanzschule teil, um mich individuell zu verbessern.
Warum haben Sie sich für International Business & Intercultural Studies an der Hochschule Heilbronn entschieden?
Nach dem Abitur stand die Frage im Raum: „Was mache ich jetzt?“ Ich habe mich für Sprachen interessiert und mich deutschlandweit informiert. Freunde, die an der Hochschule Heilbronn studieren, haben mir den Studiengang empfohlen. Ich wollte eine neue Sprache lernen – Arabisch hat mich besonders angesprochen. Im ersten Semester habe ich Spanisch und Arabisch belegt, musste Arabisch aber wegen Zeitmangel wieder abwählen. Spanisch mache ich weiter.
Wie hilft Ihnen das Spitzensport-Stipendium?
Bis jetzt hatte ich Glück und kaum Überschneidungen zwischen Studium und Meisterschaften. Aber ich weiß, dass mein Ansprechpartner Jan mich immer unterstützt, wenn es nötig wird. Letztes Jahr lag zum Beispiel die Weltmeisterschaft in Arizona mitten in der Prüfungsphase. Finanziell hilft das Stipendium sehr, weil Tanzen kaum gefördert wird. Die entstehenden Kosten, z.B. für Reisen zu Wettkämpfen ins Ausland, Outfits oder Trainingsstunden müssen wir komplett selbst tragen. Das Stipendium ist an dieser Stelle eine große Entlastung.
Was gibt Ihnen vor Training oder Wettkampf Energie?
Vor dem Training trinke ich immer Kefir – inzwischen macht das die ganze Crew. Mein Lieblingssnack: Linsen- oder Maiswaffeln mit Mandelmus. Vor Wettkämpfen essen wir nichts Schweres, bringen Obst mit und haben ein Ritual: Kurz vor dem Auftritt beißt jede in eine Zitronenscheibe. Das aktiviert die Muskeln und pusht uns.
Haben Sie eine mentale Routine vor Wettbewerben?
Ja. Hinter der Bühne ist jede kurz für sich und geht die Choreo im Kopf durch. Direkt davor sammeln wir uns, jemand hält einen kurzen Motivations-Talk, und wenn die Crew vor uns fertig ist, zählen wir „3–2–1“, beißen in die Zitrone – und gehen raus.
Wo ist Ihr Lieblingsort auf dem Campus?
Wenn die Sonne scheint: draußen beim Brunnen oder den Bänken. Wenn nicht: im N-Gebäude.
Sportlicher Lebenslauf
Kiara Dos Santos Cerqueira ist Hip-Hop-Tänzerin beim Verein DanceYourMessage e.V. in Fellbach. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Qualifikation für sowie die Teilnahme an der Hip-Hop-International Weltmeisterschaft in Arizona 2025. Gerade erst hat sie sich erneut qualifiziert und wird in diesem Jahr erneut an der Weltmeisterschaft teilnehmen.
Erklärung der Tanzstile
- Hip-Hop: Streetdance-Stil mit Fokus auf Groove, Rhythmus, Isolationen und starken Ausdruck
- Krump: sehr energiegeladener, emotionaler Tanz mit großen, impulsiven Bewegungen und viel Körperspannung
- Waacking/Waacking: stylischer Arm- und Oberkörperdance, der stark am Beat orientiert ist und über schnelle Gesten sowie „Pose“-Momente wirkt
- Popping: Funk-/Street-Stil mit kontrollierten Anspannungen, „Pops“, Stops und typischen Illusionen wie Wellen oder Robotereffekten
- Funkstyles: Mischung aus verschiedenen Funk- und Street-Elementen – groovig, ausdrucksstark und kreativ interpretierbar





