3 Fragen, 3 Antworten Audi-Standort Neckarsulm: Zukunft sichern durch Transformation
Heilbronn, September 2026. Daniel Nill, Perspektivprofessor an der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Heilbronn (HHN) und Experte für digitale Wertschöpfung, plädiert dafür, die Zukunft des Audi-Standorts Neckarsulm nicht allein am Erhalt heutiger Produkte und Strukturen festzumachen. Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, langfristig industrielle Wertschöpfung und qualifizierte Beschäftigung zu sichern, indem die Stärken des Standorts mit neuen Technologien, Märkten und Geschäftsmodellen verbunden werden. Die Kombination aus hoher Fertigungskompetenz, qualifizierten Fachkräften und dem wachsenden KI-Ökosystem in der Region biete dafür besondere Chancen.
Welche Perspektive sehen Sie für den Standort Neckarsulm?
Neckarsulm hat aus meiner Sicht eine starke industrielle Perspektive – aber sie ist kein Selbstläufer. Der Wandel zur Elektromobilität, neue Wettbewerber und der konzerninterne Wettbewerb um Produkte und Investitionen erhöhen den Druck auf den Standort erheblich. Gleichzeitig bringt Neckarsulm sehr viel mit: eine hochqualifizierte Belegschaft, industrielle Infrastruktur, jahrzehntelanges Fertigungs-Know-how und mit dem Heilbronner KI-Ökosystem einen zusätzlichen Standortvorteil. Entscheidend ist deshalb nicht, heutige Strukturen zu konservieren oder den Standort an einzelne Modelle zu binden. Die eigentliche Frage lautet, wie sich diese vorhandenen Stärken nutzen lassen, um auch in zehn oder zwanzig Jahren relevante industrielle Wertschöpfung und gute Beschäftigung in Neckarsulm zu sichern. Dafür muss man offen für neue Technologien, neue Produkte und gegebenenfalls auch neue Geschäftsmodelle sein.
Wie kann eine erfolgreiche Transformation des Standorts gelingen?
Transformation gelingt nur, wenn man vom Standort und nicht vom heutigen Produkt aus denkt. Welche Fähigkeiten, Anlagen, Flächen und welches industrielle Know-how sind vorhanden – und welche neuen Märkte und Technologien passen dazu? Neckarsulm hat genau diesen Wandel historisch mehrfach geschafft: von Strickmaschinen über Fahrräder und Motorräder bis zum Automobil. Das Entscheidende war nie das Festhalten an einem bestimmten Produkt, sondern die Fähigkeit, industrielle Kompetenz immer wieder neu zu übersetzen. Diese Offenheit braucht es heute erneut – etwa für Robotik, Automatisierung, KI, intelligente Produktionssysteme oder auch ganz andere Formen industrieller Wertschöpfung. Entscheidend ist, diesen Suchprozess frühzeitig zu beginnen und sich nicht bereits gedanklich auf das nächste Fahrzeugmodell festzulegen.
Welche Bedeutung hat dieser Wandel für die Beschäftigten und welche Lehren ergeben sich daraus für Unternehmen?
Gerade wegen der Beschäftigten muss Transformation stattfinden. Beschäftigungssicherung bedeutet nicht, bestehende Strukturen möglichst lange zu konservieren, sondern frühzeitig neue Aufgaben, Kompetenzen und Wertschöpfung aufzubauen. Gefährlich wäre es, den Menschen zu suggerieren, dass im Kern alles bleiben könne, wie es ist.Und genau hier liegt eine zentrale Verantwortung des Managements. Viele der technologischen, demografischen und wettbewerblichen Veränderungen, über die wir heute sprechen, sind seit Jahren absehbar. Umso problematischer ist es, notwendige Entscheidungen immer weiter aufzuschieben und erst dann zu handeln, wenn der wirtschaftliche Druck keine Alternativen mehr lässt. Führung heißt auch, Entwicklungen frühzeitig ernst zu nehmen, Prioritäten zu setzen und in die eigene Zukunft zu investieren. Politik kann man kritisieren. Sie entbindet Unternehmensführungen jedoch nicht von ihrer Verantwortung für Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit. Wer diese Verantwortung zu lange vertagt, gefährdet am Ende genau die Arbeitsplätze, die man vermeintlich schützen will.
Ansprechperson

Hochschule Heilbronn – Kompetenz in Technik, Wirtschaft und Informatik
Die Hochschule Heilbronn (HHN) ist eine der größten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg. Ihr Kompetenz-Schwerpunkt liegt in den Bereichen Technik, Wirtschaft und Informatik. An ihren vier Standorten in Heilbronn, Heilbronn-Sontheim, Künzelsau und Schwäbisch Hall bietet die HHN mehr als 60 zukunftsorientierte Bachelor- und Masterstudiengänge an, darunter auch berufsbegleitende Angebote. Die HHN bietet daneben noch weitere Studienmodelle an und pflegt enge Kooperationen mit Unternehmen aus der Region. Sie ist dadurch in Lehre, Forschung und Praxis sehr gut vernetzt. Das hauseigene Gründungszentrum unterstützt Studierende sowie Forschende zudem beim Lebensziel Unternehmertum.




