Eine Frau mit Einkaufsnetz an einem Marktstand

Die Wahl haben – Nachhaltigkeit in Konsum und Produktion

Hanix|20.07.2021
Prof. Dr. Daniela Ludin, Beauftragte für Nachhaltigkeit der HHN
"Ökologisch korrekt und nachhaltig heißt aber auch Sozialverträglichkeit: keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit."
Prof. Dr. Daniela Ludin, Beauftragte für Nachhaltigkeit der HHN

Nicht konsumieren geht nicht. Aber wie kann Konsum nachhaltig sein? Interview mit Professorin Daniela Ludin und Professor Wanja Wellbrock, beide an der Hochschule Heilbronn, Fakultät Management und Vertrieb, über die Möglichkeit nachhaltigen Konsums und nachhaltiger Produktion. Inwieweit können diese beiden Parteien am Markt durch bewusste Entscheidungen und Auswahl Nachhaltigkeit vorantreiben? Was heißt hier eigentlich wählen? 

Hanix: Frau Professorin Ludin, Herr Professor Wellbrock, ist der Begriff: "nachhaltiger Konsum" nicht eine widersprüchliche Konstruktion? Konsum heißt Aufbrauchen, Nachhaltigkeit Bewahren.

Daniela Ludin: Ja, das ist ein Widerspruch. Es ist so: Wenn etwas konsumiert wird, werden Ressourcen verbraucht, und das steht natürlich im Widerspruch zur Nachhaltigkeit, die sehr langfristig angelegt ist: nämlich, dass ich Ressourcen spare, dass ich in die Zukunft investiere. Aber es gibt ja verschiedene Konsumfelder und wenn jeder Konsument nur in einigen von ihnen sich Gedanken macht, wie er seinen Konsum nachhaltiger gestalten kann, dass ökologische und soziale Kriterien, die die Nachhaltigkeit vor allen Dingen auszeichnen, berücksichtigt werden, dann ist das schon einmal ein guter Beitrag. "Nicht" konsumieren geht nicht, weil leben eben auch konsumieren heißt.

Wanja Wellbrock: Nachhaltigkeit heißt, über das, was ich konsumiere, nachzudenken. Konsum muss ich ja nicht einstellen, aber ich kann ihn schon auch reduzieren. Wenn ich anstatt Fast-Fashion zu kaufen, um sie nach wenigen Tagen wieder wegzuwerfen, auch auf die Langlebigkeit der Produkte schaue, dann reduziere ich ja die Frequenz des Konsums. Konsum im Sinne der Nachhaltigkeit wäre also eine präzisere Auswahl in Hinsicht auf das, was ich brauche, und in Hinsicht auf das, was in der Produktion ein Schonen der Ressourcen unterstützt.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen den Wahnsinnsproduktionskapazitäten, die wir haben, und einer Konsumentenentscheidung für Nachhaltigkeit und Reduktion

DL: Momentan ist es ja noch so – das wird aus meiner Einschätzung heraus auch eine Weile noch so bleiben –, dass nachhaltige Produkte immer noch Nischenprodukte sind. Das heißt, es sind Produkte, bei denen Anbieter in einer Marktnische auftreten und diese Produkte ganz bewusst mit einem höheren Preis versehen und damit auch höhere Gewinne erzielen können. Momentan leben wir noch sehr stark in einem Widerspruch, dass wir einerseits Unternehmen haben – in Deutschland, aber auch in anderen Industriestaaten –, die vor allen Dingen das eine Ende des Konsums bedienen: Massenkonsum zu günstigen Preisen. Wir haben auf der anderen Seite Unternehmen, die ihre Produkte eher in Nischen, in kleineren Märkten anbieten und da befinden sich momentan die nachhaltigen Produkte. Nachhaltiger Konsum fordert auch Bildung – und das bieten wir unseren Studierenden an – für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, verantwortungsvolles Management, dass wir da einen langen Atem haben müssen. Ökologisch korrekt und nachhaltig heißt aber auch Sozialverträglichkeit: keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit.

WW: Ich würde Sozialverträglichkeit auch als Dimension der Nachhaltigkeit sehen. Das beobachten wir an den Wertschöpfungsketten, etwa bei den sozialen und gesellschaftlichen Kosten, die Menschenrechtsverletzungen etwa in Afrika, in Bangladesch, verursachen. Sozialverträglichkeit ist Bestandteil von Nachhaltigkeit. Das sehen wir auch im Lieferkettengesetz. Gerade die Massenfertigung ist hier heute noch nicht primär auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Deswegen brauchen wir neue Anreize. Und da ist der Konsum auch entscheidend. Wir haben die Wahl. Wenn hier die Nachfrage entsprechend steigt, wird sich diesbezüglich auch die Produktion steigern. Als Beispiel kann etwa der öffentliche Sektor gelten, für den wir Konzepte erarbeiten und diskutieren: Je mehr das gefordert wird, desto eher müssen die OEMs (Original Equipment Manufacturer) auch nachhaltig, sozialverträglich, ökologisch produzieren. Und wenn es hier nötig ist, dann muss es auch der Lieferant machen.

Information ist sehr wichtig für ein Denken in Nachhaltigkeit. Daten gehören zu den Grundressourcen. Inwieweit gibt es auch hier für den Produzenten ein Denken in Nachhaltigkeit?

WW: Jeder redet über Big Data. Überall sind Sensoren, die jede Sekunde irgendwelche Daten aufnehmen. Sehr viele Unternehmen machen das, bevor sie überhaupt wissen, was sie letztlich mit den Daten anfangen wollen. Es fehlen noch die Strukturen, die Stammdatenbasis. Denken Sie das doch einmal in Bezug zur normalen Produktion: Man hat ein Lager. Das Lager ist komplett voll mit irgendwelchen Teilen, die man vielleicht irgendwann in der Zukunft einmal brauchen könnte. Wenn man hier die Kapitalbindungskosten in Betracht zieht, die ins Unendliche gehen, dann würde keiner so handeln. Bei den Daten machen wir aber genau das. Es werden alle Daten gesammelt. Die werden irgendwo abgelegt, ohne zu wissen, wozu diese Daten überhaupt taugen. Das ist meiner Meinung nach ein total falscher, weil unstrukturierter, Ansatz. Man muss vorher überlegen und dann die Daten sammeln, mit denen man etwas anfangen kann. Auch ist da der Nachhaltigkeitsaspekt ganz wichtig, wenn man bedenkt, was für Rechenzentren an Material- und Energiekosten anfallen. 

Für einen anderen Punkt, in der Lieferkette, haben wir natürlich ein weiteres Problem. Ich kann jetzt als OEM sagen, ich will Nachhaltigkeit, ich will ein Lieferkettengesetz, ich muss sicherstellen, dass die Menschenrechte eingehalten werden. Dann gibt es den sogenannten Supplier Code of Conduct. Den muss der Lieferant unterschreiben, dass er alle ökologischen und sozialverträglichen Grundaspekte einhält. Damit hat sich natürlich der OEM abgesichert, weil es der Lieferant einhalten muss; wenn nicht, verstößt er gegen diesen Vertrag. Aber das ist schon das Problem: Der Lieferant unterschreibt das zwar, man kann auch einen Audit bei der Lieferantenauswahl machen, auch eine Besichtigung, in der man sich die Prozesse anschaut. Das ist aber nur eine Momentbetrachtung. In der Lieferkette macht allerdings kaum Sinn, nur einmal hinzugehen und dann nicht mehr. Das noch größere Problem, ist, der OEM kann den direkten Lieferanten zwar noch tracken. Aber was passiert denn davor? Man muss auch noch sicherstellen, dass der Vorlieferant die Daten liefert und sich wirklich an diese Prozesse hält. Da kommen wir ganz schnell an die Grenzen, wie ich hier die Information sicherstellen kann. Es gibt hier mehrere Lösungen, so etwa, dass Blockchain ins Spiel kommt, um eben diese Informationen zu speichern. Wenn ich sie einmal in der Blockchain eingefügt habe, kann ich sie nicht mehr manipulieren. Das heißt, zumindest dann sind die Daten einheitlich und unveränderbar. Das heißt aber trotzdem nicht, dass sich jeder daran hält. Es geht nur über kontinuierliche Kontrolle und es muss mindestens einen Spieler geben, der das auch wirklich will. Wenn der OEM nicht dahintersteht, wenn der auch sagt, Vertrag reicht mir, da habe ich natürlich ein Problem. 

Inwieweit gibt es in Bezug auf die Wertschöpfung, den Wachtumsbegriff einen Konflikt zwischen echter, nachhaltiger Innovation und dem Denken in kaufmännischer Leistung, also im Sinne eines "optimierten Investment Return"?

DL: Das ist eher auch ein volkswirtschaftliches Problem. Wir diskutieren schon lange volkswirtschaftlich, was eigentlich der Wachstumsbegriff bedeutet, was zu Wachstum alles dazu zählen darf und ob zum Beispiel auch nicht-nachhaltige Produktionen, also auch Rüstungsgüter, Waffen, umweltfeindliche Technologien ein Bruttoinlandsprodukt überhaupt erhöhen und ob diese zum Wachstum mitgezählt werden dürfen, obwohl sie kontraproduktiv sind. Es wird in den Wirtschaftswissenschaften seit langem diskutiert, ob wir den Begriff des Wachstums, der Wertschöpfung anpassen müssen und was der Maßstab sein soll. Es gibt den Ansatz in den Wirtschaftswissenschaften, dass wir sagen, als Innovationen verstehen wir in erster Linie einmal nur Dinge, die die Welt insgesamt nachhaltiger und besser machen. Allerdings ist das schwierig zu entscheiden. So habe ich zwar die Wahl, eine alte Technologie weiter zu nutzen, oder ein neues Produkt zu kaufen, das ökologisch korrekter ist. Aber welche Option, die man dann wählt, die nachhaltigere ist, das kann einem keiner sagen.

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