Porträt von Prof. Dr. Tobias Bernecker

Schifffahrt ohne Kohle. Neckar als Zukunft Heilbronns

Hanix|08.06.2021
Prof. Dr. Tobias Bernecker
Die Neckarschifffahrt würde es ohne Heilbronn nicht geben und Heilbronn hätte ohne den Neckar, ohne die Schifffahrt, nicht die Bedeutung, die es heute hat.
Prof. Dr. Tobias Bernecker

Welche Rolle spielt der Fluss, der im BUGA-Gelände als Naherholungsgebiet inszeniert ist, für Heilbronn als Industriestadt? Immerhin zählt der Binnenhafen zu den größten der Republik. Prof. Dr. Tobias Bernecker, Forschungsprofessor und Leiter der Kompetenzzentrums Logwert an der Hochschule Heilbronn, spricht im Interview über die Zukunft der "Stadt am Fluss". 

Welche Bedeutung hat der Neckar für Heilbronn?

Eine sehr große. Wir erleben derzeit eine Wiederentdeckung eines Flusses in der Stadt, der lange Zeit kaum wahrgenommen wurde. Da ist zunächst die Entwicklung der Mobilitätsregion Heilbronn. In ihr haben der Neckar und der Hafen inzwischen einen festen Platz. Im Hafen Heilbronn findet dabei nicht nur Schifffahrt statt, dort befindet sich auch ein zweiter großer Verkehrsträger: Über mehr als 20 Kilometer Gleise versenden und empfangen ungefähr 25 Unternehmen regelmäßig umweltfreundlich ihre Waren. Salz und Kohle sind da nur die beiden bedeutendsten Güter. Der Hafen ist für Heilbronn damit auch Bindeglied zwischen Stadt und Land. Im Hafen findet ganz viel statt, was unmittelbar in das Umland wirkt, egal, ob es das Kraftwerk ist, das aus dem Hafen heraus mit Fernwärme und Elektrizität Stadt und Umland versorgt, oder ob das die Salzwerke sind, ohne die im Winter auf den Straßen der Region gar nichts ginge. Was viele auch nicht wissen: Heilbronn ist in Baden-Württemberg mit Abstand der wichtigste Schwergutumschlagplatz. Alles, was irgendwo zwischen Augsburg, Friedrichshafen, Heidenheim an übergroßen Gütern produziert wird, seien es Schiffsmotoren, seien es Turbinen für die Wasserkraft: Ohne den Hafen Heilbronn würde es das alles nicht geben. Hier ist das zentrale Scharnier, um die Güter für den Transport zum Kunden auf die Wasserstraße zu bringen.

Inwieweit existiert diese Wasserstraße parallel zu Heilbronn? Oder wirkt sie auch in die Stadt selbst hinein?

Die Neckarschifffahrt würde es ohne Heilbronn nicht geben und Heilbronn hätte ohne den Neckar, ohne die Schifffahrt, nicht die Bedeutung, die es heute hat. Natürlich wird auf dem Rhein insgesamt mehr transportiert als auf dem Neckar, und auch die europäische Ost-West-Achse, die es für die Schifffahrt gibt, führt nicht über den Neckar sondern über den Main, den  Main-Donau-Kanal und dann die Donau bis zum Schwarzen Meer. Aber was die Anbindung der Industrieregionen im Herzen Baden-Württembergs an die Seehäfen betrifft, an Rotterdam und Antwerpen, da sind Heilbronn und der Neckar mittendrin.

Andererseits wird der Neckar in der Stadt als Naherholungsgebiet inszeniert. Ist das nicht ein Widerspruch zu dem, was Sie eben geschildert haben?

Hier ist wichtig festzuhalten, was die Binnenwasserstraßen, die Flüsse von Straßen, von Schienenwegen und von anderen Verkehrsbauwerken wie beispielsweise einem Flughafen unterscheidet: Die Wasserstraße ist immer mehreres gleichzeitig. Sie ist Verkehrsweg. Die Kanalisierung des Neckars ist für die Anlieger aber auch ein ganz wichtiger Baustein des Hochwasserschutzes. Gewässer sind zudem Naherholungsgebiete. Sie sind Naturraum. Sie dienen der Sicherung der Trinkwasserversorgung und des Grundwasserspiegels. Ich glaube, diese Vielfalt macht die ganze Geschichte so spannend. Bei den Wasserstraßen gilt: Ergänzung der Nutzungen statt Konkurrenz.

Wie können wir uns die Zukunft des Hafens vorstellen?

Der Hafen wird einerseits Containerumschlagplatz sein, andererseits aber auch weiterhin Umschlagplatz für Schwergut. Er hat aber auch die Chance, eine ganz wichtige Drehscheibe im Rahmen der Kreislauf- und Recyclingwirtschaft zu werden. Schließlich ist er auch ein Ort, an dem umweltfreundliche Energieerzeugung stattfindet. Kohlestrom wird das nicht mehr sein. Das steht fest. Es folgt wohl zunächst einmal Erdgas. Bereits dann werden im Hafen Heilbronn mehrere Hektar Fläche frei, wo heute die Kohle gelagert wird. Dort kann dann Zukunft stattfinden. Ich glaube, es muss aber noch etwas mehr getan werden, damit diese Zukunftsthemen und die Stadt tatsächlich näher zusammenkommen. Daher haben wir genau diese Zukunftsthemen bei uns auch im Lehr- und Lernportfolio und forschen daran. So gestaltet die Hochschule aktiv mit. Ich bin überzeugt davon, dass es ein guter Weg ist, Themen gemeinsam intensiver zu betreiben. Davon werden wir letztlich alle profitieren. 

Sie haben von neuen Energiekonzepten, neuen Verkehrskonzepten, neuen Transportkonzepten gesprochen. Was wird sich bei der Schifffahrt in Zukunft ändern?

Die Binnenschiffe in Deutschland sind Einheiten, die im Durchschnitt 65 Jahre alt sind. Oft ist noch der erste oder der zweite Motor verbaut. wenn man das mit Investitions- und Erneuerungszyklen auf der Straße und auch bei der Schiene vergleicht, dann ist da einiges zu tun. Erstens: Das Schiff muss technisch moderner werden. Zweitens: Das Schiff kann autonomer werden. Irgendwann kommt es vielleicht ohne Steuermann aus. Da bewegt sich im Moment sehr viel. Schon bald werden die ersten Schiffe die Ein- und Ausfahrten in die Schleusen automatisch schaffen. Damit lassen sich die Schleusungszeiten fast um die Hälfte reduzieren. Verändern werden sich aber auch die Transportgüter: Wenn wir über das Heilbronner Kraftwerk sprechen, wird der nächste Schritt sein, dass dieses von Kohle auf ein Gaskraftwerk umgebaut wird. Der übernächste Schritt wird dann wieder etwas Anderes sein. Ich bin der Überzeugung, das Thema Wasserstoff wird für die Region eine Rolle spielen. Wenn wir uns einmal anschauen, wie das geplante europäische Hauptnetz beim Wasserstoff aussieht, dann ist allerdings im Moment unser nächster Zugangspunkt irgendwo an der Rheinschiene. Jetzt kommt das Schiff wieder ins Spiel, weil der Wasserstoff irgendwie von dort nach Heilbronn kommen muss. Die Binnenschifffahrt kann das. Für sie ist das keine Aufgabe, die sie erst neu lernen muss und sie hat vor allem die Leistungsfähigkeit: Kein Verkehrsträger transportiert pro Kilometer Netzanlage auch nur annähernd so viel wie die Binnenschiffe. Der Hafen wird da zum natürlichen Dreh- und Angelpunkt.

Welche Rolle spielt der Wasserverkehr, der Wassertransport im Verhältnis zu hier angesiedelten Firmen von Audi bis ZEAG?

Mobilitätsregion zu sein heißt nicht nur, dass Automobilhersteller und die ganze Zulieferindustrie in der Region eine ganz wichtige Rolle als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor spielen. Es geht vielmehr auch um den Transportbedarf. Ein Auto beispielsweise muss ja aus Teilen zusammengebaut werden. Die Systeme, Komponenten und Baugruppen werden hierfür heutzutage üblicherweise in Containern, transportiert. Diese kommen in großer Stückzahl über Rotterdam und Antwerpen und gehen dann oft auf dem Neckar zu den Unternehmen in der Region. Im Moment allerdings noch häufig über Stuttgart, wo entladen wird, um dann den Container wieder gegen die Fahrtrichtung nach Heilbronn zurück zu transportieren. Oder die Behälter werden schon in Mannheim entladen und müssen dann über die ohnehin schon überlastete A6. Aber deswegen ist die HNVG dabei, das Terminal in Heilbronn zu erweitern und leistungsfähiger auszugestalten, sodass wir einen größeren Teil dieser Behälter zukünftig direkt in Heilbronn entladen und auf kurzen Wegen hier zu den Unternehmen bringen können. 

Wie sieht es mit dem industriellen Wasserbedarf aus und wie mit der Rückführung des benutzten Wassers als sauberes Wasser, damit hier die Region lebenswert bleibt?

Die Antwort ist tatsächlich auch wieder die Stauregelung des Neckars. Wir haben da einen Riesenvorteil durch die Staustufen von Plochingen bis Mannheim. Der Neckar hat eine garantierte Fahrrinnentiefe von zwei Meter achtzig. Das findet sich sonst nirgends im deutschen Binnenwasserstraßennetz. Die Stauregelung reduziert gleichzeitig die die Fließgeschwindigkeit des Flusses. An den Staustufen und Schleusen lässt sich beobachten, dass viele Fische die Fischtreppen nutzen. Sie zeigen: Wir haben am Neckar durchgehend eine relativ hohe Wasserqualität, auch weil es relativ wenige Unternehmen gibt, die sehr gefährdend für die Wasserqualität sind. Und dort, wo es diese Betriebe gibt, ist am Neckar schon sehr früh viel getan worden, um Umweltgefährdungen zu verhindern, beispielsweise durch Öl- und Gewässersperren.

Info

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