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Gute Entscheidungen treffen

|06.08.2020
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Professor Rainald Kasprik forscht an der HHN zur Verbesserung der Güte von Entscheidungen unter Unsicherheit, an Prognoseverfahren und Methoden der Entscheidungsfindung. Er ist Studiendekan des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen am Campus Künzelsau.

Wie treffen wir denn gute Entscheidungen?

Eine gute Entscheidung basiert auf zwei Dingen: einer zutreffenden Beurteilung der zukünftigen Entwicklungen und der Ausarbeitung von flexiblen Maßnahmen, also solchen, die idealerweise zu allen möglichen Entwicklungen passen. Ich zitiere in meinen Vorlesungen gerne die Aussage von Epiktet: "Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben an eine einzige Hoffnung binden.“

In der aktuellen Corona-Situation müssen Politik und Unternehmen Entscheidungen unter extremer Unsicherheit treffen. Welchen der von Ihnen erforschten Ansätze empfehlen Sie?

Bei extrem hoher Unsicherheit hilft die sogenannte „narrative“ Szenariotechnik. Sie erlaubt, die Vielzahl der möglichen Entwicklungen auf eine Handvoll von in sich schlüssigen Zukunftsbildern zu reduzieren. Bei dieser Technik werden nicht sämtliche Entwicklungen aller möglichen Einflussfaktoren kombiniert, denn dies führt zu einer exponentiell ansteigenden Anzahl von Szenarien. Es wird aber auch nicht die extreme Vereinfachung mit nur 3 Szenarien gewählt, also einem ersten Szenario, in dem sich sämtliche Faktoren schlechter als zu erwarten entwickeln werden, einem zweiten, in dem sich sämtliche erwartungsgemäß entwickeln und einem dritten, in dem sich sämtliche besser als erwartungsgemäß entwickeln werden. Ich empfehle, die narrativ entwickelten Szenarien zu ergänzen mit einer Einschätzung ihrer Relevanz, also der Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit eines Szenarios. 

Haben Sie auch im persönlichen Bereich Entscheidungen unter hoher Unsicherheit treffen müssen, bei denen die Szenariotechnik half?

Im persönlichen Bereich sind Entscheidungen unter hoher Unsicherheit extrem selten, weil hier üblicherweise ein offener Austausch über unterschiedliche Ansichten möglich ist und Vereinbarungen zur Konfliktlösung auch eingehalten werden. In bestimmten beruflichen Situationen dagegen, in denen unvereinbare und nicht überrückbare Zielvorstellungen herrschten, ist für mich die Szenariotechnik ein sehr gutes Hilfsmittel gewesen. Durch die Entwicklung von Szenarien konnten die vielen kleinen und versteckten Signale gedeutet und die Plausibilität der möglichen Szenarien durch aktives Handeln getestet werden. Man kann so eine gute Vorstellung über die eigentlichen, aber unausgesprochenen Absichten erhalten – und nicht umsonst ist die Szenariotechnik eine Standardtechnik z.B. in der militärischen Planung.

Gibt es Situationen in denen Bauchentscheidungen gut sind?
Ja, unbedingt. Eine Bauchentscheidung ist ja dadurch gekennzeichnet, dass sie auf der Grundlage der Intuition fällt. Das heißt, die Entscheidung basiert erstens auf einer stärker ganzheitlichen Einschätzung der Situation und zweitens auf einem Vergleich der Situation mit überwiegend eigenen Erfahrungen. Eine Bauchentscheidung ist dann eine gute Wahl, wenn eine hohe Fachexpertise vorliegt und eine schnelle Entscheidung erforderlich ist. Eine hohe Fachexpertise ist zwingend, weil nur in einem solchen Fall eine ausreichend große Vergleichsbasis besteht. 


Stichwort Corona-Maßnahmen: Haben datenbasierte Entscheidungen eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung?

Nach meiner Einschätzung ist dies leider so. “Leider“ deswegen, weil der Einsatz von quantitativen Methoden die Anmutung von Objektivität schafft. Denn es gibt nicht nur unzählige Methoden der Datenauswertung, welche jeweils zu unterschiedlichen Auswertungsergebnissen führen können, sondern selbst bei der Anwendung von genau einer Methode spielt die Einschätzung, also konkret die Meinung der analysierenden Person, eine wesentliche Rolle: Basierend auf den objektiven Daten lässt sich nur selten ganz genau eine Methode oder eine methodische Variante begründen.

Eine Prognose: Welchen Einfluss werden Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) auf die Güte von Entscheidungen haben?

Big Data und KI bieten die einzigartige Chance, aus einer sehr großen und bislang nicht möglichen Zahl von Beobachtungen neue Einflussfaktoren zu entdecken. Durch diese Analyseverfahren werden Entscheidungsträger*innen in die Lage versetzt, zusätzlich zur eigenen Erfahrung weitere Einflussfaktoren zu erkennen und in die Entscheidung einfließen zu lassen. Dabei besteht jedoch ein Kernproblem: In Situationen, in denen die Einflussfaktoren nicht bekannt sind und damit auch nicht erhoben werden, werden Big Data und KI auch künftig an ihre Grenzen stoßen. Dagegen werden sie bei gut strukturierten Entscheidungssituationen, bei denen ein Großteil der Haupteinflussfaktoren bekannt sind, zu einer spürbaren Verbesserung der Entscheidungsgüte beitragen können.

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