Foto Prof. Dr. Markus Fittinghoff

Die leeren Regale

|21.04.2020
Experteninterview mit Professor Markus Fittinghoff
Unternehmen benötigen zukünftig Mitarbeitende, die kompetent den Wandel gestalten können.
Experteninterview mit Professor Markus Fittinghoff

Professor Markus Fittinghoff lehrt im HHN-Studiengang Technisches Logistikmanagement (TLM).

Professor Fittinghoff, denkt man an Intralogistik könnte einem der Gabelstapler einfallen, der im Laden Ware von A nach B transportiert. Was steckt wirklich dahinter?

Die Intralogistik umfasst alle Informations- und Materialflüsse in den Unternehmen. Kurz gesagt: alle Prozesse von der Anlieferung der Materialien, über die Weiterverarbeitung in der Produktion bis zum Versand der Fertigprodukte.

Leidet diese Prozesskette derzeit unter der Corona-Krise?

Die Auswirkungen sind je nach Branche unterschiedlich. Im Bereich des Handels kommen die Lieferketten mit dem Nachschub kaum nach und die Lager sind in vielen Sortimentsbereichen quasi leer. Bekannte Beispiele sind Hygieneartikel und Konserven. Da sehr viele nun auch aus dem Home-Office arbeiten, ist auch eine extrem hohe Nachfrage in der Elektronik-Branche zu registrieren. Handelsunternehmen erreichen nie dagewesene Spitzenumsätze. Dagegen sind andere Branchen, allen voran die Automobilindustrie, dem Nullpunkt nahe. Sowohl die Produktion von Komponenten als auch die Endmontage stehen still. Entsprechendes gilt für die Logistik, denn auch Zulieferer arbeiten bedarfsorientiert. Man könnte sagen die gesamten Lieferketten sind wie „eingefroren“.

Stichwort Klopapier. Könnte die hohe Nachfrage dazu führen, dass neue Lagerflächen benötigt werden, es diese aber nicht gibt und wir so, nur noch vor leeren Regalen stehen?

Das kürzlich geschehene Einlagern großer Mengen Toilettenpapier in den privaten Haushalten ist – logistisch gesehen – ein Einmaleffekt. Das Virus befällt in der Regel ja nicht ausschlaggebend den Magen-Darm-Trakt und somit wird der Prokopf-Verbrauch nicht ansteigen. Die hohen Nachfragen werden nachlassen und später sogar unter Normalwert absinken, da Haushalte erst einmal ihre angesammelten Bestände verbrauchen, bevor sie nachkaufen.

Wären Ihrer Meinung nach große Supermarkt-Lagerhallen eine vorbeugende Maßnahme, um nicht wieder in so ein „Waren-Loch“ zu fallen?

Nicht wirklich. Die Haltbarkeiten von Lebensmitteln sind bekanntermaßen begrenzt. Für Frischeprodukte müsste man energetisch sehr aufwändige Kühllager bauen. Auch Konserven müssen im Fluss bleiben und Klopapier ist aus logistischer Sicht ein eher ungünstiger Artikel, da es recht viel Volumen im Lager einnimmt. Bei Produkten wie Atemschutzmasken, Einmalhandschuhen und Schutzkleidungen für den Kliniken- und Pflegebereich sieht es anders aus. Die sind länger haltbar und einfacher zu lagern. Hier rechne ich fest damit, dass künftig größere Sicherheitsbestände aufgebaut werden. Auch eine Verlagerung der Produktionsstätten zurück nach Europa ergibt aufgrund der aktuellen Erfahrungen Sinn.

Mal das Positive herausziehen: Glauben Sie, dass es dank Corona möglicherweise zu ganz neuen Lieferwegen kommen könnte?

Aus meiner Sicht werden Themen aus der Industrie 4.0 in Verbindung mit Maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz die Intralogistik und die Produktion erheblich verändern. Die Digitalisierung wird einen sehr viel höheren Automatisierungsgrad in Produktion und Intralogistik ermöglichen. Dadurch werden Verlagerungen von ganzen Produktionsstätten aus dem asiatischen Bereich zurück nach Europa wirtschaftlich. Sehr wichtig ist für die deutschen und europäischen Unternehmen dabei der Faktor Mensch.

Faktor Mensch – Studierende im Studiengang TLM sind doch dann quasi die Retter in der Not von Morgen?

Die Unternehmen benötigen zukünftig Mitarbeiter, die den Wandel kompetent gestalten können. Jungen Menschen empfehle ich daher ein Studium im Bereich der Logistik, der Informatik und der Automatisierung. Dies alles verknüpft der Bachelor-Studiengang Technisches Logistikmanagement an der Hochschule Heilbronn. Die Studierenden lernen bei uns den Wandel zu meistern und Unternehmen größere Flexibilität zu geben. 

Die HHN ist bekannt dafür, sehr praxisnah auszubilden. Wie äußert sich das in Ihrem Studiengang?

Beispielsweise anhand unserer Labore. Die haben wir in den Bereichen Verpackung und Identifizierung, Werkstoffkunde, Automatisierung von Elektrotechnik über Antriebstechnik und Regelungstechnik sowie in der Fabrikplanung und Simulation. Zudem gibt es spannende Projekte direkt in unterschiedlichen Unternehmen, mit denen wir enge Kooperationen für unsere Studierenden aufgebaut haben. 

Wird das Virus auch Ihren Lehrplan beeinflussen?

Insbesondere in der Simulation habe ich schon darüber nachgedacht, ob wir ein Corona-Modell zur Belastung der Kliniken mit Patienten in Deutschland aufsetzen könnten. Man müsste aufgrund des aktuellen Hypes allerdings belastbare Zahlen, insbesondere Aufenthaltsdauern der Patienten, dazu bekommen. Das ist im Moment etwas riskant, ich denke aber weiter darüber nach.

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