Porträt von Ansgar Meroth

Fehlerkulturen im Vergleich - Die HHN in Ägypten

Hanix|27.03.2022
Prof. Dr.-Ing. Ansgar Meroth
Hier ist die Fehlertoleranz deutlich höher. Es wird in Kauf genommen, dass Dinge auch mal nicht richtig laufen. Die Hauptsache aber ist, dass sie überhaupt existieren.
Prof. Dr.-Ing. Ansgar Meroth

Eine der Partnerhochschulen der Hochschule Heilbronn ist die German University of Cairo (GUC). Professor Ansgar Meroth, Auslandsbeauftragter der Fakultät Mechanik und Elektronik und Gründungsdekan der German International University in Kairo, einer Tochter der GUC, berichtet von seinen Erfahrungen in Ägypten. Wie ist der Stand der technologischen Entwicklungen und wie sieht es mit der Fehlerkultur dort aus. Kann Deutschland von Ägypten lernen?

Herr Professor Meroth, Sie sind gerade in Kairo. Wie kommen Sie dahin?

Ich bin Gründungsdekan einer neuen Deutschen Hochschule in Ägypten, das ist die German International University (GIU) im New Administrative Capital, nahe Kairo. Und bin dort zuständig für den Aufbau der größten Fakultät, nämlich der für Engineering. Dazu gekommen bin ich, weil die German University in Kairo, ein sehr großes, transnationales Bildungsprojekt, schon seit zwanzig Jahren in Kairo erfolgreich tätig ist und nun eine Tochter gegründet hat, die auf starke industrielle Kooperation fokussiert ist. Es wurden dafür vier deutsche Hochschulen für angewandte Wissenschaften als Gründungspartner ausgewählt. Das sind die HTW und die HWR in Berlin, die Hochschule Ulm, und die Hochschule Heilbronn. Wir sind dank unseres langjährigen Engagements in Ägypten dabei und auf mich fiel die Wahl als Gründungsdekan. Das Projekt läuft jetzt seit zwei Jahren. Aber auch schon 1969 war ein Heilbronner Kollege Gründungsdekan bei einer ägyptischen Hochschule. Da gibt es schon eine gewisse Tradition. Die Hochschule Heilbronn hat sehr viele Standbeine in der arabischen Welt.

Wie sind Ihre Erfahrungen in Ägypten, sowohl im Lehrbetrieb als auch in der Verwaltung? Wo sind da Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Heilbronn?

Das Ausbildungssystem in den deutschen Auslandshochschulen und auch in der GIU ist generell gut organisiert. Man merkt den deutschen Einfluss. Ich bin jetzt schon seit zwanzig Jahren in Heilbronn und auch dort haben wir in der Zeit einen erheblichen Sprung gemacht, was die Servicequalität und was die Abläufe angeht. Es ist ja immer noch so: Lehrbetrieb und Verwaltung sind zwei Dinge, wo es manchmal am gegenseitigen Verständnis fehlt, weil man Lehre, Wissen und interpersonale Kommunikation nicht immer in ein Schema pressen kann, es aber manchmal muss. Das verstehen viele nicht. Aber es wird besser. In Kairo geht man den gleichen Weg. Der Betrieb hier ist noch etwas starrer organisiert, weil wir große Gruppen haben; bei mir im Engineering im ersten Semester sitzen dreihundert Studenten. Und da läuft natürlich dann noch mehr auf der stringenten Ebene ab. Aber die Verwaltung ist gut aufgestellt. Wir sind sehr gut mit wissenschaftlichem Personal ausgestattet. Es wird sehr viel Wert daraufgelegt, dass die Betreuungsverhältnisse gut sind. Für meine Lehrveranstaltungen hier habe ich ungefähr die dreifache Menge an Assistenz als in Heilbronn. Allerdings ruht das in Kairo auch auf einer privaten Basis. Die Studierenden zahlen nicht unerheblich Studiengebühren.

Inwieweit entsteht da so eine Art akademische Parallelwelt? Auf dem Land oder außerhalb der Metropolen Kairo und Alexandria und jenseits des Nils schert sich kein Mensch um Digitalisierung oder um ein diversifiziertes Entsorgungssystem oder gar um automotive Verkehrsformen. Wie weit gibt es da eine Trennung von Universität und der normalen Bevölkerung?

Die ägyptische Gesellschaft ist heterogen. Ich lebe hier im neuen Kairo. Hier ist alles sehr sauber und gepflegt. Es gibt Bio-Supermärkte, es gibt riesige Malls mit allem Komfort. Die Medizinversorgung, die ich jetzt selbst erleben durfte, ist fantastisch. Die Mobilfunkversorgung ist hoch, überall habe ich LTE auf dem Handy. Die Lebensqualität an sich ist sehr hoch wie auch der Servicegrad. Aber das gilt eben für diese sehr spezifischen Lebensräume. In der Straße, in der ich wohne, parken deutsche und italienische Luxusmarken. Das ist ein kleiner Teil der Bevölkerung. Ein großer Teil der Menschen lebt nach wie vor in einfachen Verhältnissen. Downtown in Kairo wird baulich viel getan, um die Stadt wieder aus ihrer Agonie zu holen, die sie einige Jahrzehnte lang erlebt hat. Es gibt unglaubliche Bau- und Infrastruktur-Programme inklusive eines neuen Transportsystems. Man merkt eine große Aufbruchsstimmung. Bei den Menschen, mit denen ich zu tun habe, kommt das sehr gut an. Was man aber auch sieht, ist, dass das Leben für die weniger Bevorteilten schwerer wird, auch aufgrund steigender Lebenshaltungskosten. Aber insgesamt steigt die Lebensqualität, die natürlich sehr stark am Handel mit der Außenwelt hängt. Ich habe hier gute Kontakte in die Wirtschaft. Mir haben einige führende Vertreter erzählt, die Exportquoten in Ägypten, insbesondere im Agrarbereich, seien die letzten zwei Jahre nach oben geschnellt. Der Tourismus nach Corona ist wieder angelaufen. Der Optimismus, der hier herrscht, ist sehr groß. Aber wie gesagt, die Heterogenität ist hoch, von supermodern bis wirklich tiefe Armut.

In Deutschland besteht in Bezug auf seine digitale Infrastruktur die Meinung, das Land sei ein besseres Brieftaubensystem. Wie sieht es mit der Digitalisierung in Ägypten aus? Wie kann ich mir für ein solch heterogenes Land die Implementierung der Digitalisierung gesellschaftlich vorstellen, gerade auch, wo es selbst in Deutschland gar nicht gut klappt?

Also es funktioniert hier in Ägypten insofern, als zum Beispiel die Mobilfunkversorgung flächendeckend ist. Die Millionenstadt "New Administrative Capital" entsteht gerade aus dem Sand. Da ist inzwischen ein Businesspark gebaut worden, der stark an Dubai erinnert, mit bis zu 350 Meter hohen Hochhäusern, alles digitalisiert und modern. Es soll eine afrikanische Musterstadt werden. Die Dienste sind sogar vom Serviceumfang besser. Durch meinen Infekt beispielsweise musste ich einen Laborarzt kommen lassen, innerhalb von ein paar Stunden hatte ich meine kompletten Blutwerte auf dem Handy. Hier geht eigentlich alles übers Handy: Mit Handy hat man alles und ohne hat man nichts. In Deutschland sind wir ja immer auf hundert Prozent Perfektion getrimmt. Wenn da ein Dienst mal nicht richtig funktioniert, dann schreien alle, wir seien eine Servicewüste. Hier in Ägypten stockt die Qualität der Dienste schon manchmal. Es kann sein, dass plötzlich die Kreditkarte nicht funktioniert, dann nimmt man eben eine andere, oder dass die Bank irgendetwas nicht richtig bucht, dann sitzt man wieder am Schalter und moniert das. Hier ist die Fehlertoleranz deutlich höher. Es wird in Kauf genommen, dass Dinge auch mal nicht richtig laufen. Die Hauptsache aber ist, dass sie überhaupt existieren. Das elektronische Bezahlen ist völlig normal, anders als in Deutschland. Bei uns hat das Jahre gedauert, weil da immer noch der eine oder andere Haken war. Die Gesellschaft hier ist viel risikotoleranter oder viel risikoaffiner. Die Leute machen Fehler und sie verzeihen auch Fehler.

Sie kennen den Konflikt zwischen vertrauenswürdig und effizient. Ist das nicht ein Wettbewerbsnachteil für Deutschland, wenn man so genau, so fehlerintolerant ist? Ist man da für den internationalen Wettbewerb nicht zu langsam?

Also das kann man ambivalent sehen. Auf der einen Seite sehe ich die Hochachtung, die die Ägypter vor uns haben, also genau vor dieser hohen Qualität und diesen hohen Ansprüchen. Das gilt hier als Weltmaßstab. Wir sind als deutsche Hochschule eine der nachgefragtesten Hochschulen im Moment, obwohl es hunderte gibt in Kairo, weil eben dieser Ruf, diese hohe Qualität unsere Assets sind. Das ist unser Markenzeichen. Und das dürfen wir auch nicht aus der Hand geben. Ich bin davon überzeugt, das ist eines der wenigen Dinge, die uns am Ende bleiben. Auf der anderen Seite denke ich allerdings, dass es im Bereich der Digitalisierung eher schwierig ist, jemandem Produkte zu verkaufen, die man selbst nicht konsequent nutzt und mit denen man deshalb wenig Erfahrung sammelt. Und da werden wir abgehängt. Ich glaube aber nicht, dass das immer nur eine staatliche Verantwortung ist. Die Politik kann das natürlich fördern. Ich denke aber, dass da auch sehr stark der private Sektor gefragt ist. Das Thema Risikoaffinität und unternehmerisches Denken, unternehmerische Innovation, nicht nur technologische, muss in Deutschland noch ein stärkeres Kulturwachstum erfahren.

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