Eine Studentin sitz mit Kopfhörern vor dem Laptop und schreibt etwas auf.

Corona als Chance

Torsten Robert|07.02.2022

Interview mit Prorektor für Studium und Lehre, Prof. Dr. Ulrich Brecht und Studierendenpräsident Josias Richter

Corona auch als Chance genutzt. Wie alle an der HHN gemeinsam an der Bewältigung dieser Herausforderung gearbeitet aber gleichzeitig auch gewachsen sind und es einen „gewaltigen Digitalisierungsschub“ für die Hochschulen gegeben hat.

Jetzt befinden wir uns im bald im dritten Jahr einer sog. Corona-Zeitrechnung. Was haben Sie im März 2020, als die Pandemie weltweit ausgebrochen ist, gedacht. Sind Sie davon ausgegangen, dass es so lange andauern wird?

Brecht: Nein, die Situation Anfang 2020 war für alle neu. Es gab zwar in der Vergangenheit auch schon Krankheitswellen wie Vogelgrippe aber eine Pandemie, die solche erheblichen Auswirkungen auf das Leben jedes einzelnen hat, konnte ich mir Ende 2019/Anfang 2020 nicht vorstellen. Sowohl von der Wucht als auch der Dauer und der Konsequenzen waren wir alle überrascht.

Richter: Kurz gesagt, nein. Ich kann mich noch genau an die ersten Tage der Pandemie zurück erinnern. Damals war ich gerade einmal 3 Tage als Tutor eines Mathevorbereitungskurses tätig. Am dritten Tag habe ich um 20 Uhr eine Nachricht bekommen, dass am nächsten Tag alle Kurse ausfallen werden. Niemals hätte ich gedacht, dass wir 4 Semester (mehr als die Hälfte der Zeit meines Studiums) später immer noch mitten in der Pandemie stecken.

Wie haben die Lehrenden und die Studierenden die neue Situation angenommen?  

Prof. Dr. Ulrich Brecht, Prorektor für Studium und Lehre

Brecht: Wir alle wurden in das sprichwörtliche „kalte Wasser“ geworfen. Über Nacht wurden wir von einer Präsenzhochschule zu einer Fernhochschule. Unmittelbar mit Beginn der Vorlesungszeit des Sommersemesters 2020 war Präsenzstudienbetrieb nicht mehr möglich. Alle Lehrenden mussten sich für ihre Veranstaltungen eine Online-Lösung überlegen. Das hat alle vor große Herausforderungen gestellt. Durch großes Engagement und Verständnis aller Beteiligten bekamen wir dann relativ schnell einen Online-Studienbetrieb zum Laufen. 

Es galt ja nicht nur die Veranstaltungen auf ein anderes Format umzustellen, es mussten ja auch Hard- und Software bereitgestellt werden. Dass es bis jetzt 4 Semester anhält, hatte niemand gedacht. Man hatte jedes Mal am Ende eines dieser Online-Semester die Hoffnung, dass es im nächsten Semester wieder anders ist.

Richter: Zunächst waren wir alle mit der Situation überfordert und damit meine ich wirklich ALLE. Studierende, Dozierende, Mitarbeiter*innen, die Politik, ja die ganze Gesellschaft. Eigentlich rücken wir als Gesellschaft in schwierigen Zeiten zusammen. Diese Möglichkeit hatten wir allerdings nicht mehr, da die Pandemie uns überrollt hat. Anfangs haben die Studierenden sich im Stich gelassen gefühlt. Für jeden war die Situation neu und keiner wusste so richtig damit umzugehen. Trotz dieser Herausforderungen haben wir es mit gemeinsamen Anstrengung geschafft, dass das erste Corona-Semester kein verlorenes Semester für uns Studierende wird. Die Hürden wurden überwunden und Nachteile für Studierenden aufgrund der neuen Situation durch die Corona-Satzung, welche die Studierendenvertretung eingebracht hat und im Senat gemeinsam mit der Hochschule in Kraft gesetzt hat, ausgeglichen.

Was hat sich in der Zeit der digitalen Lehre an der Hochschule verändert? Was waren die größten Probleme und worauf sind Sie heute in einer Retrospektive, am meisten stolz?

Brecht: Sehr stolz bin ich auf das Engagement der Beschäftigten der HHN in dieser außergewöhnlichen Situation. Nicht nur mussten die Lehrenden ihre Veranstaltungen auf online umstellen, Rechenzentrum und IT mussten Hard- und Software erweitern, alle Prozesse der Hochschule mussten in kürzester Zeit von Präsenz auf online umgestellt werden, die Verwaltung musste ebenfalls ihre Dienstleistungen auf online umstellen. Auch mussten alle Beratungs- und Betreuungsaktivitäten umgestellt werden. Wir haben es geschafft und ich denke, wir haben es auch gut gemacht.

Bei der Online-Lehre mussten die Lehrenden, Professorenschaft, lehrende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Lehrbeauftragten komplett umdenken. Wie erreiche ich die Lernziele jetzt online und nicht in Präsenz? Wie stelle ich die Qualität sicher? Wie motiviere ich die Studierenden zur Mitarbeit? 

Richter: Die Veränderung in der digitalen Lehre hat einmal mehr gezeigt, dass sich die Welt rasant schnell verändert und dass man sich anpassen und mitgehen muss. Größere Probleme durch die digitale Lehre sehe ich in der Anonymität und der zwangsweisen Dauerbeschallung. Des Weiteren fällt es vielen schwer, die Konzentration bei Online-Vorlesungen aufrecht zu halten.

Der wichtigste Aspekt ist wohl die fehlende soziale Interaktion in und nach den Vorlesungen. Ohne diese können keine persönlichen Beziehungen zu Dozierenden und vor allem zu Kommiliton*innen aufgebaut werden. Jedoch sind gerade die Kontakte, welche man im Studium knüpfte, die wichtigen, die fürs Leben. Daher ein Appell an meine Kommiliton*innen: Nehmt aktiv die bestehenden Angebote an!

Porträt Studierendenpräsident Josias Richter

Josias Richter, Studierendenpräsident

Neben den Nachteilen gibt es jedoch auch Vorteile. Dozierende konnten sich in Sachen Digitalisierung weiterbilden und Erfahrungen sammeln, um Online-Vorlesungen oder auch hybride Vorlesungen abwechslungsreicher zu gestalten. Zum Beispiel bieten aufgezeichnete Vorlesungen eine sehr gute Ergänzung zu den Lehrinhalten. Der größte Vorteil der Online-Lehre ist jedoch für die meisten die Ortsungebundenheit. Sprich, sie können die Vorlesung, egal wo sie sich im Moment befinden, besuchen. Weite Anreisewege oder der Umzug entfällt und so kann auch Geld gespart werden.

Wichtig ist jedoch, sich jetzt nicht auf den Erfolgen auszuruhen, sondern die Erfahrungen der Online-Zeit aufzunehmen und in die Präsenzlehre mitzunehmen.

Wir als AStA sind am meisten auf die AStA-App stolz. Auf dieser können Kommilitonen alles, was sie im Studium und für das Studierendenleben brauchen, auf einen Blick sehen. Dort erhalten sie auch die wichtigsten Nachrichten. Zudem haben wir unsere Social-Media-Präsenz ausgeweitet und sind nun dort auch viel aktiver, um eben auch die Studierenden direkt über Neuigkeiten informieren zu können.

Herr Prof. Brecht, wie steht es um das Thema „Technik“ im Kontext der digitalen Lehre? Wie gehen Lehrende mit der Herausforderung um und wie war und ist die Stimmung?

Brecht: Die Umstellung auf Online-Lehre war, um unsere frühere Bundeskanzlerin zu zitieren, alternativlos. Wir haben bei der Umstellung auch allen Lehrenden die Freiräume gegeben, damit jeder im Rahmen seines Faches, seinem didaktischen Konzept und den technischen Möglichkeiten den Weg findet, der am besten passt. Das eLearning-Team hat hier auch sehr wertvolle Hinweise und Unterstützung gegeben. Zu Beginn des Sommersemesters 2020 wurden dann kontinuierlich weitere Lehrveranstaltungen online angeboten. Die Lehrenden haben sich hier auch untereinander Hilfestellungen gegeben und Erfahrungen ausgetauscht. Mit dem eLearning-Café gibt es auch ein Forum für diesen Gedankenaustausch. Am Anfang hat es natürlich bisschen „geruckelt und gewackelt“, aber dann lief es sehr gut. Es war für die meisten Learning by Doing. Das Thema Digitalisierung der Lehre hat hier einen immensen Schub erhalten.

Besonders Seminare und Tutorien „leben“ vom Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden. Wie konnten Lehrende trotz fehlender Anwesenheit Interaktion ermöglichen? Und wie haben es Studierende wahrgenommen?

Brecht: Ein Seminar lebt von der Diskussion und dem Interagieren. Da hat uns die Pandemie vor großer Herausforderungen gestellt. Lehrende haben hier dann Möglichkeiten der Online-Lehre genutzt. Trotz der vielfältigen Möglichkeiten der Online-Lehre kann man einen Punkt nicht so richtig umsetzen, die Körpersprache. Gerade bei Diskussionen im Seminar gehört es auch dazu, die Körpersprache des Gegenübers wahrzunehmen und einzuschätzen. In der Gesamtschau konnten bei den Seminaren die Anforderungen dieser auch erfüllt werden.

Richter: Ganz klar, der Austausch und die Interaktion sind qualitativ deutlich schlechter. Interaktion wird oftmals durch Bildung von Break-Out-Sessions also Kleingruppen-Konferenzen geschaffen. Diese Gruppenarbeiten funktionieren jedoch nur, wenn die Studierenden aktiv mitarbeiten. Hier gilt für Studierende diese Angebote von Dozierenden aktiv wahrzunehmen. Durch die Übung dieser Lehrmethoden konnten, viele und neue kreative Möglichkeiten gefunden werden, welche Interaktionen schaffen.

Herr Richter, studieren bedeutet ja nicht nur neue Theorien zu lernen, sondern auch sich sozial als Person weiterzuentwickeln. Wie ist es Ihnen und Ihren Kommiliton*innen in dieser Zeit auf sozialer Ebene ergangen? Welche neuen Ideen und Projekte sind in dieser Zeit entstanden? 

Richter: Auf sozialer Ebene gab und gibt es sehr viele Herausforderungen und Probleme. Ein Studium lebt von einem Austausch auf Peer-to-Peer-Ebene. Dieser ist von einem auf den anderen Tag weggebrochen. Viele Studierende haben sich zu Hause eingesperrt gefühlt. Auch in der Studierendenvertretung haben wir dies gespürt. Eigentlich waren wir vor Corona ein Kontaktpunkt und haben durch Veranstaltungen die Möglichkeit zum Austausch geschaffen.

Während Corona hat sich das Aufgabengebiet stark auf das Krisenmanagement und damit die Gremienarbeit fokussiert. Jedoch haben wir durch verschiedene Digitalisierungsmaßnahmen, welche wir teilweise schon vor Corona eingeführt haben, geschafft, zumindest teilweise mit unseren Kommiliton*innen in Kontakt zu bleiben. Wir konnten zahlreiche Online-Veranstaltungen anbieten und so insbesondere jüngeren Semestern ein Gemeinschaftsgefühl geben und vor allem haben wir ihnen die Möglichkeit gegeben soziale Kontakte zu knüpfen.

Besonders schwer war und ist es jedoch Kommiliton*innen in ein solches Ehrenamt zu bekommen, auch wenn man sehr viel dabei lernt.

Ein Herzensprojekt waren die Impfaktionen für die Studierenden. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir diese mit Unterstützung verschiedener Einrichtungen auf die Beine stellen konnten und somit einen äußerst wichtigen Beitrag leisten konnten. Die Impfaktionen wurden auch sehr dankend von den Studierenden angenommen, denn gerade am Anfang der Impfkampagne, war es sehr schwer an einen Impftermin zu kommen. Zudem konnten wir durch die Impfaktionen nicht nur helfen, sondern auch endlich einmal wieder einen persönlichen Kontakt herstellen. 

Welche konkreten Auswirkungen hatte die Corona Pandemie auf die Studierenden und welche Lösungen wurden gefunden? 

Richter: Studierende hatten und haben zahlreiche Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen. Viele Studi-Jobs wurden gekündigt. Man konnte sich nicht mehr treffen und vor allem wusste man nicht, wie es im Studium weitergehen würde. Neben den bereits genannten sozialen und finanziellen Belastungen führte und führt die Pandemie auch zu psychischen Belastungen. Die Ausmaße dieser werden uns noch Jahre begleiten.

Während der Pandemie sind bei den Studierenden so viele Fragen und Sorgen wie noch nie aufgekommen. Um die Studienbedingungen während Corona trotzdem so angenehm wie möglich für die Studierenden zu gestalten, haben die Studierenden der Studierendenschaft hohen Einsatz gezeigt. Sie setzten sich z.B. dafür ein, dass die Corona-Satzung, ein Nachteilsausgleich, erstmalig durch den Senat gebilligt wurde und zwei Mal verlängert wurde. Durch einen fast wöchentlichen Austausch mit Herrn Prof. Dr. Brecht konnten wir die Studierenden mit den FAQ´s sowie über die Sozialen Medien zum Online-Betrieb über Änderungen auf dem Laufenden halten, bzw. diverse Anliegen an die Hochschulleitung weitergeben.

Doch damit nicht genug: Im Online-Betrieb wurde deutlich, dass es viele Studierende gibt, welche nicht die benötigte technische Ausstattung besaßen, um optimal an der Online-Lehre teilnehmen zu können. Um auch hier zu unterstützen wurde, wie bereits erwähnt, in Zusammenarbeit mit der LIV ein Laptop-Verleih aufgebaut. 

Welche Chancen sehen Sie in der aktuellen Situation für eine langfristige Veränderung / Verbesserung der Lehre, auch nach Corona?

Brecht: Bei allen Möglichkeiten, die eine Online-Lehre bietet, ist der persönliche Austausch und die Interaktion in Hörsaal oder Seminarraum sehr wichtig. Gerade im Grundstudium bei den Bachelorprogrammen ist es wichtig, die Studierenden alle wie man so schön sagt abzuholen. Der Wechsel von der Schule zur Hochschule muss erfahren werden. Online-Lehre kann hier sehr wertvolle Beiträge leisten. Lernrückstände und Lernlücken lassen sich mit Online-Lehre auffüllen.

Richter: Chancen gibt es auf jeden Fall. Allein die neuen Erfahrungen, welche die Dozierenden sammeln konnten, sind hier von großem Wert. Wie diese langfristig eingesetzt werden, ist für mich noch offen. Ein großer wertvoller Punkt sind Lehrvideos, welche eine gute Präsenzlehre ergänzen können. Ein wichtiger Aspekt ist jedoch, dass es sich um Ergänzungen handelt und langfristig auf die Präsenzlehre nicht verzichtet wird.

Herr Richter, Sie sind nicht nur Studierendenpräsident, sondern auch Student im 7. Semester. Sie haben ja nun alles erlebt. Einen völlig normalen Studienverlauf, aber eben auch studieren unter besonderen Vorzeichen und Bedingungen. Wie fällt Ihr Resümee aus? 

Richter: Bei mir ist die Tendenz ganz klar: Ein Präsenzstudium insbesondere unmittelbar am Studienort ist am besten, um sich weiterentwickeln zu können. Man lernt bei weitem mehr als nur von zu Hause oder als wenn man pendelt. Weiter erstaunt es mich immer wieder, was man durch ehrenamtliche Aufgaben lernt. Meine Empfehlung an alle angehenden Studierenden ist daher, in ein Studium vor Ort zu investieren und sich durch Engagement am Hochschulleben zu beteiligen.

Herr Prof. Brecht, wenn Sie jetzt und hier die Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie mit den vorhandenen Erfahrungen und Erlebnissen, jetzt vielleicht anders machen? 

Brecht: Man trifft seine Entscheidungen immer im Spiegel der aktuellen Informationen und der bisherigen Erfahrungen. Wenn man dann eine Entscheidung anders getroffen hätte, wären vielleicht an ganz anderer Stelle Probleme aufgetreten. Ich denke, wir haben den Weg durch Pandemie ganz gut gemeistert.

Herr Richter, wenn Sie sich jetzt erst für ein Studium entscheiden müssten, würden Sie sich in noch teilweise unsicheren Zeiten, für ein Studium an der Hochschule Heilbronn entscheiden, oder warten bis alles vorbei ist? 

Richter: Wenn ich mich jetzt erst für ein Studium entscheiden müsste, dann würde ich mich trotzdem für die HHN entscheiden. Im Prinzip ist es doch so, dass digitale Lehre mittlerweile für niemanden mehr etwas Neues ist. Im Gegenteil, Studierende sowie Schüler*innen haben sich bereits daran gewöhnt. Zudem: Worauf soll ich warten? Ein Ende ist ja nicht in Sicht und andere Hochschulen gehen denselben Weg. 

Herr Prof. Brecht, was würden Sie noch unentschlossenen jungen Menschen sagen wollen, warum es genau auch jetzt der richtige Zeitpunkt ist, sein Vollzeitstudium zu beginnen?

Brecht: Warum sollte man warten? Die Hochschulen stellen die Studierbarkeit der Studienangebote sicher. Sie werden beraten und betreut, bei auftretenden Themen wird Ihnen geholfen. Man hat nichts zu verlieren, warum also warten.

Studierende sitzen mit Getränken an einem Tisch und arbeiten gemeinsam an Laptops

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