Studieren mit Beeinträchtigungen

"Mich reizt nicht das Einfache" – Ein Studium unter besonderen Bedingungen

Barrierefreiheit in Heilbronn

Erenik Krasniqi liebt es, in Heilbronn zu studieren. „Es ist hier wesentlich barrierefreier als in meiner Heimatstadt Heidelberg, in der es viele Pflastersteine und Gebäude ohne Rampen oder Aufzüge gibt. Diese Freiheit ist Luxus pur für mich“, sagt der 20-Jährige.



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Sein Studienfach ist die Medizinische Informatik. Seit vier Semestern ist Krasniqi an der Hochschule Heilbronn (HHN) eingeschrieben. Er erlitt als Neugeborenes einen frühkindlichen Hirnschaden, wahrscheinlich verursacht durch Gelbsucht, die nicht rechtzeitig behandelt wurde.

Von dieser Schädigung ist das Koordinationszentrum der Motorik betroffen. „Um zum Beispiel nach einem Glas Wasser zu greifen, brauche ich viel mehr Konzentration, weil die Bewegungen bei mir nicht automatisch ablaufen. Dadurch kann ich mein Gleichgewicht nicht halten und sitze deshalb im Rollstuhl.“ Über die Zeit, mit viel Unterstützung seiner Eltern und eisenhartem Training, hat er gelernt damit umzugehen.

Möglichkeiten

Für Krasniqi war nach dem Abitur in Heidelberg klar, dass er an einem anderen Ort studieren will. „Mich reizt nicht das Einfache, sondern die Möglichkeiten, die ich habe“, sagt er. Bei den Eltern ausziehen, obwohl er den ganzen Tag Assistenz benötigt, sei zwar eine Herausforderung, aber kein Problem: Im Dreischichtsystem begleiten ihn im Wechsel sechs Mitarbeiter vom Arbeiter Samariter Bund (ASB) sowie Studenten. „Ich suche mir meine Assistenten persönlich aus. Wir haben viel miteinander zu tun, da muss es menschlich stimmen“, sagt Krasniqi.

Im Alltag heißt das: Zuhause, in der Freizeit und an der Hochschule wird der Student immer unterstützt. Morgens erhält er Hilfe beim Aufstehen und Anziehen, dann geht es in Richtung Campus. „In den Vorlesungen schreiben die Assistenten mit. Ich habe aber auch eine extra für mich angefertigte Tastatur für den Laptop, auf der ich geübt bin.“ Bei Klausuren darf Krasniqi in einem Extra-Raum arbeiten und bekommt mehr Zeit als die Kommilitonen. „Ich sage dem Assistenten, welche Lösungen er aufschreiben soll.“

Planung und Koordination

Hilfreich sei, dass die Hochschule vor Studienbeginn bereits auf ihn zugekommen ist, um ihm das Studium so barrierefrei wie möglich zu machen. Der freie Zugang zu Lastenaufzügen sei zum Beispiel hilfreich, um von Vorlesungssaal zu Vorlesungssaal zu kommen. „Aber auch die Tutoren und Professoren sind sehr hilfsbereit“, erzählt er. Dennoch sei viel Planung und Koordination wichtig: „Alles, was ich mache, ist für mich relativ anstrengend, da ich Unterstützung brauche. Ich muss immer einen Plan haben, wie ich Sachen angehe, sonst bin ich verloren. Aber meine Einstellung kann alles kompensieren“, sagt er.

Dass der 20-Jährige überhaupt etwas kompensieren muss, kann man kaum glauben. Denn abgesehen von seinem Studium, das in Heilbronn und in Heidelberg im Wechsel stattfindet, engagiert sich Krasniqi an der Hochschule außerordentlich viel. Im Studentischen Vorsitz (StuV) Heilbronn der Verfassten Studierendenschaft (VS) arbeitet er im lokalen Marketing-Referat mit. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Entwurf einer Kollektion für Studenten, die in der VS aktiv sind.

Elektrisierendes Gefühl

Krasniqi ist zudem Mitglied in der Fachschaft Informatik und dort als Finanzreferatsleiter tätig. Im Rahmen des Marketings organisiert er den Stand der VS für die Erstsemesterbegrüßung mit. Auch als ein Vorsitzender der Studentenorganisation „Initiative Medizinische Informatik“ (IMI) ist er aktiv. „Ein Tag kann bei mir von 6 Uhr morgens bis 3 Uhr nachts gehen. Aber ich mag das elektrisierende Gefühl, wenn man nicht weiß, was man zuerst anpacken soll.“

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Training im Fitnessstudio ist sein Hobby, dieses macht er mehrmals in der Woche. Ansonsten genießt er es, vom Campus in Sontheim mit einem elektrisch betriebenen Antriebsgerät bis in die Innenstadt fahren zu können. Das Gerät lässt sich in ein paar Sekunden an den Rollstuhl anbringen.

Praxiserfahrung sammelt Krasniqi bereits als Werkstudent bei Bosch in Abstatt. Auch hier begleitet ihn ein Assistent. „Der Arbeitsort ist sehr modern, auch wenn sich die Türen nicht automatisch öffnen lassen.“ Aber auch dafür gibt es für Krasniqi immer eine Lösung.

Antrieb

Dass er sich ein bisschen mehr als andere Studenten anstrengen muss, sei für ihn klar: „Es gibt viel Konkurrenz, da muss ich mich durchsetzen können. Gerade, wenn ich einen ernstzunehmenden Berufsweg einschlagen will, muss ich viel Erfahrung sammeln und mich etablieren“, ergänzt der Student. Dies scheint aber für ihn eher ein Antrieb als ein Ärgernis zu sein. Wohin es den gebürtigen Heidelberger beruflich verschlagen soll, weiß er schon ganz genau.

So hat der 20-Jährige nicht nur den Studienort, sondern auch das Fach Medizinische Informatik bewusst gewählt: „Mit Blick auf meine Erkrankung interessiert mich, was in der medizinischen Forschung möglich ist.“ Um das zu vertiefen, will er den Master noch machen und im Anschluss dann in seinem Fachgebiet arbeiten. In Berlin oder in München gäbe es hierfür die besten Möglichkeiten.

Text und Foto: Katharina Freundorfer