Wirtschaftsinformatik (WIN)

Studiensemester in Annecy, Frankreich

Motivation

Für mich war klar: Ich will nach Frankreich. Bisher hatte ich mich dort immer sehr wohl gefühlt und wollte die Chance nutzen, eine zweite Fremdsprache zu lernen. Annecy war schnell als Partneruniversität gewählt, da mir die Stadt und die Lage sehr gut gefallen haben, umgeben von Bergen und dem Lac d‘Annecy. Die Université de Savoie ist in mehrere Standorte aufgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt war ich der erste Student aus Heilbronn, da die touristischen Studiengänge in Chambèry angesiedelt sind. Somit konnte ich mich lediglich auf Erfahrungswerte anderer Universitäten stützen.

Anreise & Unterkunft & Leben

Die Anreise gestaltete sich für mich recht unproblematisch, da ich über ein Auto verfüge. Jedoch gibt es auch gute Verbindungen von Deutschland nach Genf. Von dort wiederum gibt es Busverbindungen nach Annecy. Im Vorfeld konnte man sich auf verschiedene Wohnheime bewerben bzw. angeben, ob man z.B. lieber privat in einer WG unterkommen möchte. Leider wurde ich im Bewerbungsverfahren scheinbar übergangen und als ich 3 Wochen vor Beginn des Semesters noch keine Antwort vorliegen hatte, bemühte ich mich selbst um eine Unterkunft. 3 Tage vor Beginn des Semesters wurde ich dann fündig und ich bekam einen Platz in der „Residence Pré. St. Jean“, welche ca. 5 Minuten zu Fuß von der Universität entfernt ist. Diese erwies sich als Glücksgriff, da der Komplex in mehrere Gebäude à ca. 20 Personen aufgeteilt ist. Jeder hatte sein eigenes Zimmer mit Bad und Dusche. Es gab einen Gemeinschaftsraum, in welchem abends zusammen gegessen und gekocht wurde. Da es fast ausschließlich von Franzosen bewohnt wurde, konnte ich auch hier schnell Kontakte knüpfen, was meinen Sprachkenntnissen sehr zugute kam. Aber auch die anderen Wohnheime sind von der Wohnqualität sehr zu empfehlen. Manche sind fast schon als luxuriös zu betrachten. Im Wohnheim „Jean Monnet“ gibt es viele Doppelappartements mit Balkon, im „Tom Morell“ sogar standardmäßig Balkon, Badewanne und eine eigene Küche. Wer nur ein knappes Budget zur Verfügung hat, sollte sich über die französischen Preise und über Annecy, was anscheinend nach Paris die teuerste Stadt ist, im Klaren sein und auf jeden Fall CAF beantragen, ein Wohngeld, das jedem Studenten zusteht.

Universität / Lehrveranstaltungen

Das gesamte Universitätsgelände liegt in Annecy-le-Vieux, was direkt an Annecy grenzt, aber nicht - wie man vermuten könnte - die Altstadt ist. Dort gibt es mehrere Institute, das IUT (Vorbereitung auf die Universitäten etc.), die Polytec (Ingenieurschule) und das IMUS (Institut de Management), an welchem ich studierte. Die Ausstattung und das Gebäude sind sehr neu und teilweise sehr edel, unter anderem mit Klimaanlage. Insgesamt besuchte ich 11 Lehrveranstaltungen, die Sprachkurse mit einbezogen. Von meinem ersten Learning Agreement blieb praktisch nichts mehr übrig, weil es durch sich ständig ändernde Stundenpläne sehr schwierig ist, Kurse aus verschiedenen Fachrichtungen zu wählen. Auch gab es viele Übungseinheiten, bei denen Anwesenheitspflicht bestand. Letztendlich schrieb ich mich dann im Studiengang Commerce/Vente ein, welcher aber auch informationstechnischen Inhalt hatte z.B. (Datenbanken, Planung & Gestaltung von Geschäftsideen im Internet etc.). Vom Umfang sind die Veranstaltungen wesentlich kleiner und viel praktischer angelegt als in Deutschland. Auch gab es viele Projekte, die bereits während des Semesters abgegeben werden mussten. Gruppenarbeiten, kleinere Präsentationen sowie die Vorstellung des eigenen Autoporträts gehörten unter anderem zu den Inhalten des Semesters. Die meisten schriftlichen Prüfungen am Ende des Semesters waren für Muttersprachler meiner Meinung nach nicht allzu schwer, jedoch sollte man den Mehraufwand beim Lernen in einer Fremdsprache nicht unterschätzen. Ein besonderes Vergnügen waren stets die Englisch-Vorlesungen, in welchen man den Sprachenkonflikt am eigenen Leib miterleben konnte. So kam es vor, dass man Kommilitonen Sätze auf deutsch beibrachte, während man selbst an anderen Erasmusstudenten die neusten Wörter auf italienisch übte und die auf englisch gestellte Frage noch auf französisch beantwortete. … Vive l'esprit d'Erasmus

Betreuung / Ansprechpartner

Ich denke die Betreuung auf französischer Seite ist noch ein wenig ausbaufähig. Nach ein paar Monaten wurde ein Tutor vorgestellt, aber ich denke, es wäre besser bereits im Vorfeld einen studentischen Ansprechpartner zu haben. Auch wurde meine Bewerbung an mehreren Instituten herumgereicht, aber nach mehreren klärenden E-Mails konnte auch diese Hürde gemeistert werden. Man sollte einplanen, dass im August in Frankreich fast kein Ansprechpartner zu erreichen ist. Aber mit einer gewissen „freundlichen Beharrlichkeit“ kommt man dann schon meist zum gewünschten Ziel. Immer ruhig Blut. Auf deutscher Seite gab es nie Probleme - der ganze Bewerbungsablauf sowie Fragen bezüglich des Learning Agreements oder anderer organisatorischer Dinge wurden stets zeitnah beantwortet und gelöst.

Sprache

Meine Sprachkenntnisse waren vor Beginn sehr gering, da ich in der Schule nie Französisch hatte und sich meine Kenntnisse lediglich auf zwei AIM-Kurse in Heilbronn, einen 3-wöchigen Aufenthalt in Paris und eine einstündige Vorlesung Wirtschaftsfranzösisch stützten. Aber letztendlich lernt man die Sprache am besten im Land und dies sollte sich auch bewahrheiten. Am Anfang des Semesters (1. September) belegte ich einen Französischkurs, welchen praktisch alle Austauschstudenten machen. Dieser ist auf jeden Fall empfehlenswert, da hier auch die ersten Kontakte geschlossen werden. Entgegen anderer Erfahrungswerte wurde innerhalb der Erasmusclique fast ausschließlich französisch gesprochen, was sich sehr positiv auf das Sprachniveau ausgewirkt hat. Über das Semester gesehen gab es noch weitere Sprachkurse, die jeweils an 3 Abenden pro Woche abgehalten wurden. Davon einen Abend Wirtschaftsfranzösisch und zwei Abende Vorbereitung auf das Delf-Sprachendiplom, welches ich am Ende auch erfolgreich abgelegt habe (Delf B2).

Umgebung / Kulturelles

Obwohl Annecy nicht groß ist, kann man einiges unternehmen. Allein die Altstadt ist schon einen Besuch wert. Es gibt Kneipen, Kinos, Theater, Schwimmbäder und eine Eishalle. Annecy wird nicht umsonst „Venedig der Alpen“ genannt. Anfang September konnte man noch im klaren See baden, Wanderungen und Fahrradtouren unternehmen. Anfang Dezember wurde die Skisaison eröffnet. Die nächsten Pisten sind ab ca. 30 Minuten mit Bus oder Auto zu erreichen. Meine Empfehlungen sind dabei die Skigebiete „le grand Bornand“ und „la Clusaz“. Die Busse in Annecy selbst fahren unter der Woche ca. alle 20 Minuten, am Wochenende leider nicht so häufig. Deswegen bietet es sich an, ein Fahrrad zu besorgen, das man am Bahnhof ausleihen kann. Annecy wirbt für sich auch als Fahrradstadt (Velannecy) - es gibt recht viele Fahrradwege.

Frankreich – La „Yaute“ (Savoie)

Man sollte sich im Klaren sein, dass die Franzosen (Savoyards) anfangs nicht unbedingt die kontaktfreudigsten Menschen sind. Geht man jedoch auf sie zu, ist alles kein Problem mehr. Die Franzosen sind meiner Meinung nach immer sehr höflich. Als Deutscher sollte man sich gleich am besten auf „bonjour, au revoir, bonne journée“ einstimmen, um nicht allzu rüde zu wirken. In der Region wird meiner Meinung nach ein „schönes“ Französisch gesprochen, man sollte sich jedoch, vor allem wenn man viel mit Kommilitonen unterwegs ist, auf jeden Fall die wichtigsten Wörter auf „verlan“ merken und diese auch praktizieren. Das war für Muttersprachler immer sehr lustig. Berge, Reblochon, Tartiflette, Chartreuse, Génépi sind in der Region Heiligtümer und sollten auf jeden Fall ausgiebig getestet werden. In den Ferien rate ich jedem, eine Frankreichreise zu machen. So lernt man die verschiedenen Landschaften und Regionen Frankreichs am besten kennen und schätzen.

Abschließend

Ich kann jedem nur raten, sich auf ein Auslandssemester einzulassen. Anfangs hatte ich große Bedenken, ob ich mit der Sprache zurechtkommen würde. Jedoch zerstreuen sich diese Bedenken spätestens nach mehreren Monaten vor Ort von allein. Viele Dinge gehen anfangs anders von statten als gewohnt, wenn man dies jedoch als Chance und Herausforderung ansieht, stellt auch dies bald kein Problem mehr dar. Ich habe in Annecy ein super Semester verbracht, das ich nicht missen möchte und kann es jedem nur wärmstens empfehlen.

Daniel Böhm