Produktion und Prozessmanagement

Erfahrungsbericht über das Praxissemester in China

Volksrepublik China – das Land der aufgehenden Sonne

China
Von Konfuzius zu Buddha, über Gruppendenken und Hierarchiebewusstsein, bis hin zur Harmonie und Insider–Outsider Diskriminierung. Man hat schon einiges über die Volksrepublik (VR) China gehört und gelesen, aus persönlichem oder geschäftlichem Interesse vielleicht sogar mehr als die Medien uns berichten.


Was aber, wenn man das Gehörte oder das Gelesene im geforderten Moment nicht mehr vor dem geistigen Auge abrufen kann und man aufpassen muss, nicht von einem Fettnäpfchen in das nächste zu treten? Was, wenn auf offene und direkte Worte wie sie in der deutschen Gesellschaft Gang und Gebe sind, nur Zurückhaltung, Andeutungen oder Umschreibungen der chinesischen Geschäftskollegen folgen? Was, wenn die Kluft der Kulturkreise so groß ist, dass weder wirtschaftliche noch politische oder gar soziale Herkunft auf einen gemeinsamen Nenner kommen?

Nun, als Praktikant der Audi AG am Standort Changchun in der VR China, in der Abteilung Projektplanung Karosseriebau, wurde ich genau mit diesen Fragen und den interkulturellen Unterschieden zwischen Deutschen und Chinesen konfrontiert. Die Wahl, dieses Pflichtpraktikum an oben genanntem Standort zu absolvieren, war eine persönliche Entscheidung, die nicht etwa getroffen wurde um ausschließlich Kontakte zu knüpfen oder des Geldes wegen, sondern vielmehr um „über den Tellerrand zu schauen“, persönliche Charaktereigenschaften zu stärken bzw. zu erkennen, theoretisch erlerntes Wissen in praktische Abläufe in einem international agierenden Automobilkonzern mit einfließen zu lassen und natürlich um eine mir bis dato unbekannte Kultur näher kennen zu lernen.

China

Dass die VR China eine immer zunehmende Stellung in der Weltwirtschaft einnimmt, sollte wohl allen bekannt sein. Schon der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle erkannte den Trend und sagte im November 2009:

„China ist so wichtig, dass man als deutscher Wirtschaftsminister mindestens einmal im Jahr in China sein muss (…).“

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Das chinesische Sprichwort „Rù jìng wèn sú“ ist gleichzusetzen mit dem deutschen Sprichwort „andere Länder, andere Sitten“. Schon bei der Ankunft am Flughafen in Beijing (Peking) wird man mit diesen Sitten vertraut gemacht, denn für die Chinesen ist es normal die Nase hochzuziehen und auf den Boden zu spucken. Nach der Ankunft im Hotel in Changchun fühlte ich mich dann schon wohler, als ich mein Apartment im 19. Stock beziehen konnte, welches zudem auch dem westlichen Standard entspricht. Schließlich war das nun auch mein zu Hause für die nächsten sechs Monate und das zu Hause aller Audi Praktikanten.
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Die Praktikanten vor Ort sind wie eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft. Abends zusammen essen gehen, gemeinsam einkaufen und vereint den Abend ausklingen lassen, gehört dort zum Alltag. Einem Alltag der tagsüber alles andere als normal ist. Das Geschäftsleben (auch als Praktikant) ist nicht immer einfach, die chinesischen Kollegen zeigen sich oft als harte und wenig kompromissbereite Zeitgenossen. Man muss mit dem Umstand leben können, viele Meetings auf sich zu nehmen, ohne am Ende des Tages viel erreicht zu haben. Macht- und Hierarchiespielchen liegen an der Tagesordnung und so muss um alles gebuhlt werden. Trotz anstrengender Arbeitstage, ist es dennoch interessant zu sehen, wie zwei komplett unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen, miteinander einen Weg fin

den und schlussendlich ein fertiges Produkt – in meinem Fall ein Audi Q5 – vom Band geht.

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Als Lâowài (=Ausländer) fällt man auf, das westliche Aussehen verhilft automatisch zu einem großen Aufsehen. Man wird gerne für Bilder zweckentfremdet und die Chinesen versuchen ihr Bestes, um Handzeichen und Körperverrenkungen bei Essensbestellungen zu deuten. Die Kommunikation ist nämlich nicht einfach, selbst in den Großstädten kommt man mit seinem Englisch nicht weit und so sollte man immer gut vorbereitet los ziehen. Zwangsläufig beginnt man mit Händen und Füßen zu kommunizieren und die Chinesen haben Verständnis, wenn ein Lâowài in einem Fast Food Restaurant auch mal über die Theke hüpft und auf das gut aussehende Essensfoto zeigt, welches er gerne bestellen würde.

Volksrepublik China – das Land der aufgehenden Sonne - ist definitiv eine Reise wert und auch für ein Praktikum im Zuge des Studiums absolut nahezulegen. Es wird nicht immer einfach sein, doch das sind die Momente die einen stärken und erkennen lassen, dass das Leben immer wieder Überraschungen für einen bereit hält. In diesem Sinne – zàijiàn, Stefan.

Stefan Sommer - Auslandspraktikum in Volksrepublik China, WS 2013/14

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