Januar 2017: Jeder Joghurt ein Unikat

Produktmanagement im Praxisprojekt: Künzelsauer Studierende kreieren eigenen Joghurt mit Jagsttaler Hofmolkerei

Heilbronn/Künzelsau, Januar 2017. Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wie die Fachhochschulen in Baden-Württemberg seit einigen Jahren heißen, werben gerne mit ihrer Praxisnähe. Für die Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau, einem Standort der Hochschule Heilbronn, ist die Möglichkeit des direkten Berufseinstiegs bei den Mittelständlern im Hohenlohekreis besonders wichtig. Künzelsau steht im Wettbewerb mit großen Städten, die für Studienbewerber auf den ersten Blick attraktiver sein mögen.

Doch gerade hier, auf dem idyllischen Campus am Kocher, schafft der umtriebige BWL-Professor Joachim Link mit seinen Praxisprojekten eine einzigartige Win-Win-Situation für regionale Unternehmen und Studierende. Im Wahlpflichtfach „Aktuelle Fragen des Produkt- und Kundenmanagements“ wenden seine Studierenden gelerntes Wissen unmittelbar auf eine praktische Fragestellung an. Das Besondere: Die angehenden Marketingexperten kreieren Produkte, die sie selbst interessieren. Dabei begleiten sie den kompletten Produktions- und Marketingprozess, von der Marktanalyse über die Entwicklung von Produktkonzepten, die Produktion, dem Erstellen von Etiketten, dem Produkttest bis zur Kommunikation.

Campusjoghurt_Produkt_web.PNG
Drei Sorten Campusjoghurt

Regionale Molkerei bietet sich als Kooperationspartner an

Los ging’s im Sommersemester 2016 mit dem „Studiengangs-Bier“. Kontakte des Professors brachten den ersten Partner: Die Distelhäuserbrauerei erklärte sich bereit, gemeinsam mit den Künzelsauer Studierenden im Studiengang „Betriebswirtschaft, Marketing- und Medienmanagement ein Bier herzustellen. Das Produkt war nicht für den Verkauf vorgesehen, wurde aber von der Hohenloher Zeitung mit einem Artikel im Juli 2016 gewürdigt. Noch am selben Tag erreichte Professor Link ein Anruf von Sven Gruschka vom Milchhandwerk Marlach, kurz MHM. Er hatte den Artikel zum Studiengangs-Bier beim Frühstück gelesen und war von der Idee begeistert, mit den Studierenden eigene Joghurtsorten zu kreieren. Erst vor knapp zwei Jahren ist das Milchhandwerk Marlach, geführt durch seine Frau, Karin Reuther-Gruschka, in die Joghurtproduktion eingestiegen und vertreibt die Produkte mittlerweile in acht Geschäften, vor allem in kleinen Dorfläden der Region. Außerdem kann man den Joghurt direkt vor Ort beim Milchhandwerk erstehen. „Wir haben uns ganz spontan zu der Aktion entschieden, vor allem, weil es Spaß macht, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten und weil wir uns ein Feedback von den angehenden Marketing-Fachkräften erhofften“, sagt Hobby-Milchhandwerker Gruschka, der hauptberuflich im Arbeitsschutz-Vertrieb tätig ist. Das Milchhandwerk Marlach hat das Projekt „Studiengangs-Joghurt“ mit der Produktion und den nötigen Zutaten unterstützt.

„Beim Produktentstehungsprozess waren wir sehr sportlich unterwegs“, erzählen Anja Klein (21 Jahre)) und Inga Pietsch (23 Jahre), die beide im vierten Semester Betriebswirtschaft, Marketing- und Medienmanagement studieren. Im September 2016 kam der Kurs erstmals zusammen. Am 17. November 2016, pünktlich zur Nacht der Hochschule, standen 160 Kilo Joghurt in rund 800 Bechern bereit. Wie hat das funktioniert? „Wir haben in den vier Teams Marktforschung, Etiketten, Produkttest und Kommunikation gearbeitet und den kompletten Wertschöpfungsprozess begleitet“, sagt Anja Klein. „Viel mehr Arbeit als gedacht“, ergänzt ihre Kommilitonin Inga Pietsch. Dabei hätten sie vor allem erkannt, welcher Wert in dem Milchprodukt tatsächlich steckt

Bratapfel, Zimtstern und Mandarine sind die Favoriten

Besonders wichtig ist es, immer von der Zielgruppe aus zu denken“, erläutert Professor Link. Die war in dem Fall eine junge, weibliche – wie auch im Kurs selbst. In enger Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Gruschka erarbeiteten die Künzelsauer drei Joghurtsorten. Sie sollten sowohl der Zielgruppe schmecken, als auch zur Jahreszeit Herbst/Winter passen. Zimtstern, Bratapfel und Mandarine waren die Sieger der Produktkonzepte.

Nach der vorbereitenden Arbeit am Campus reisten 15 Studierende nach Marlach. Ausgestattet mit Hygienekleidung, machten sie sich daran, den Joghurt abzufüllen. 800 Becher in drei Stunden – kein schlechtes Ergebnis. Eine große Hilfe waren Karin Reuther-Gruschka und Ihr Mann Sven, die bei jedem Produktionsschritt dabei waren.

Gruppenfoto vor Molkerei_web.JPG

Hobby-Milchhandwerker Sven Gruschka (4. v. li) und Professor Joachim Link (6. v. li)  mit den Studierenden vor den Produktionsräumen des Milchhandwerks Marlach

Mundpropaganda bringt Studierende nach Künzelsau

Und was treibt den Professor an? „Die Studierenden sollen etwas lernen, dabei Spaß haben und ein Ergebnis sehen“, so beschreibt Joachim Link seine Motivation. „Wenn sich ein Absolvent bei mir bedankt ist das ein tolles Gefühl“. Die Mundpropaganda hat laut Link einen entscheidenden Anteil, wenn sich Schulabgänger für den Studiengang Betriebswirtschaft, Marketing- und Medienmanagement entscheiden. „Dafür brauchen wir tolle Beispielprojekte, die eine Signalwirkung haben. Mit dem Milchhandwerk Marlach hatten wir einen idealen Partner.“

Professor Link möchte sein Projekt wiederholen und sucht bereits neue Kooperationsangebote aus der Hohenloher Wirtschaft. Für Anja Klein und Inga Pietsch geht es demnächst ins Praxissemester. Die beiden sind sich sicher, das richtige Studienfach gewählt zu haben – und mit Joachim Link einen engagierten Professor, der Praxisnähe am Campus Künzelsau der Hochschule Heilbronn in die Realität umsetzt. Der Campus-Joghurt ist übrigens bereits vertilgt – trösten kann man sich mit den anderen regionalen Milchprodukten in Marlach vor Ort.